Opfer-Abo das Unwort des Jahres

Opfer-Abo – das Unwort des Jahres

Wie jedes Jahr hat die Unwort-Jury auch für 2012 das Unwort des Jahres gekürt. Neben vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten saß dieses Mal Ralf Caspers, bekannt durch Sendungen wie “Wissen macht AH!” und “Die Sendung mit der Maus”, mit in der Jury. 

Anders als in den Jahren zuvor, als beispielsweise 2010 das Wort alternativlos und 2011 der Begriff Döner-Morde zu den Unwörtern gewählt wurden, fiel die Wahl bei der aktuellen Entscheidung nicht auf den Begriff, den die meisten als Favoriten gesehen hatten. 

Die Favoriten für das Unwort des Jahres 2012

Bei der diesjährigen Aktion hatte die Jury 2.241 Einsendungen mit 1.019 verschiedenen Vorschlägen erhalten.

Am häufigsten war dabei der Begriff Schlecker-Frauen vorgeschlagen worden. Dieser Begriff, der an das Wort Trümmerfrauen erinnert, war durch die Medien geprägt worden, als monatelang über eine insolvente Drogeriekette, deren Mitarbeiterinnen und die Versuche, ihre Arbeitsplätze doch noch irgendwie zu retten, berichtet wurde.

Auf der Liste mit den am häufigsten vorgeschlagenen Wörtern belegten nach den Schlecker-Frauen die Begriffe Anschlussverwendung, Moderne Tierhaltung, Ehrensold und Lebensleistungsrente die weiteren Plätze.  

Opfer-Abo – das Unwort des Jahres 2012

Anders als von vielen erwartet entschied sich die Unwort-Jury für den Begriff Opfer-Abo als Unwort des Jahres 2012. Hintergrund für diesen Begriff sind Aussagen des Meteorologen und Moderators Jörg Kachelmann. Kachelmann war wegen Vergewaltigung angeklagt.

Die Anklage stützte sich auf den Vergewaltigungsvorwurf einer Frau, Kachelmann hatte die Vorwürfe jedoch stets bestritten. Nachdem nicht geklärt werden konnte, wer von beiden die Wahrheit sagt, wurde Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Rund anderthalb Jahre nach seinem Freispruch hatte Kachelmann dann in mehreren Interviews von einem Opfer-Abo gesprochen. Dieses Opfer-Abo würde Frauen in unserer Gesellschaft die Möglichkeit geben, ihre Interessen gegenüber Männern auch durch Falschbeschuldigungen, unter anderem Missbrauch und Vergewaltigung, durchzusetzen.   

Die Begründung für die Wahl

Die Unwort-Jury kritisierte, dass der Begriff Opfer-Abo unterstellt, Frauen würden sexuelle Gewalt nur vortäuschen und damit selbst Täterinnen sein. Vor dem Hintergrund, dass sich nur rund fünf bis acht Prozent aller Frauen, die Opfer sexueller Gewalt sind, überhaupt an die Polizei wenden und es in gerade einmal rund der Hälfte dieser Fälle zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren kommt, wäre es unangemessen, einen solchen Ausdruck zu verwenden.

Hinzu kommt, dass der Begriff Opfer-Abo die Menschenwürde der Frauen verletzt, die tatsächlich Opfer sind. Die Unwort-Jury betonte jedoch auch, dass es ihr ausschließlich um die Kritik an einem solchen Wortgebrauch geht. Sie urteile weder über den Fall Kachelmann noch darüber, ob es Falschbeschuldigungen gibt oder nicht.

Entscheidend sei vielmehr, dass ein Begriff wie Opfer-Abo das Vorurteil schürt, Frauen würden Vergewaltigungen und Missbrauch nur erfinden oder eine Mitschuld an solchen Vorfällen tragen. Dies wiederum könnte als Folge einen negativen Einfluss sowohl auf den gesellschaftlichen als auch auf den juristischen Umgang mit sexueller Gewalt haben. 

Die Kritik an der Wahl

Die Wahl des Begriffes Opfer-Abo als Unwort des Jahres 2012 stieß durchaus auf geteilte Meinungen. Um die Kritik zu verstehen, muss aber zunächst bekannt sein, was durch diese Aktion bezweckt wird und welche Auswahlkriterien zugrunde gelegt werden. Durch das Unwort des Jahres sollen das Sprachbewusstsein und die Sensibilität im Umgang mit der Sprache gefördert werden.

Wie oft ein Wort vorgeschlagen wurde, spielt bei der Entscheidung keine Rolle, sondern ausschlagend ist sein Inhalt. Daher werden solche Wörter und Begriffe zu Unwörtern ernannt, die gegen die Menschenwürde oder das Prinzip der Demokratie verstoßen, die einzelne Gesellschaftsgruppen diskriminieren oder die Inhalte beschönigen und verschleiern. Weitere Kriterien bei der Entscheidung sind, dass das jeweilige Wort öffentlich geäußert wurde, einen gewissen Aktualitätsgrad hat und der Zusammenhang bekannt ist.

Ein Kritikpunkt an der Entscheidung war nun, dass das Wort Opfer-Abo nur wenigen ein Begriff sei, vielen also weder das Wort selbst noch sein Inhalt oder der Kontext bekannt wären. Opferhelfer wie beispielsweise die Organisation Weißer Ring äußerten wiederum die Bedenken, dass das Wort durch derartige Aktionen überhaupt erst einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangen würde.

Kritisiert wurde aber auch, dass die Verwendung des Wortes im Zusammenhang gesehen werden müsse. So wäre Kachelmanns Aussage nicht als pauschale Behauptung, sondern vielmehr als eine Art Selbstverteidigung bezogen auf seinen eigenen Fall zu werten.    

Die weiteren Unwörter des Jahres 2012

Neben Opfer-Abo wurden die Begriffe Pleite-Griechen und Lebensleistungsrente zu den weiteren Unwörtern des Jahres 2012 gewählt. Der Begriff Pleite-Griechen entstand im Zusammenhang mit der Euro-Stabilitäts-Debatte.

Er diffamiere jedoch die gesamte griechische Bevölkerung und damit auch die Griechen, die beispielsweise in Deutschland leben. Die Bezeichnung Lebensleistungsrente kritisierte die Jury als irreführend, denn bei der Lebensleistungsrente handele es sich um eine geringfügige staatliche Leistung, die als Zusatzleistung aber nicht vor Altersarmut schützen könne.

Zudem würde der Begriff die Lebensleistung eines Menschen auf die Bedingungen reduzieren, die als Voraussetzungen für den Erhalt dieser staatlichen Zusatzleistung gelten. Aus Sicht derjenigen, die eine solche Lebensleistung beispielsweise aus familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht erbringen können, sei das Wort zynisch.

In Zusammenarbeit mit der Börse Düsseldorf wurde der Begriff Freiwilliger Schuldenschnitt zum Börsen-Unwort 2012 ernannt.

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